Wolfgang Kirchheim Elektroakustik • Akusmatik • Tsunami

Konzepte / Texte



Zum Begriff 'Tsunami':

Als Tsunami bezeichnen die Komponisten des Schoenermusic-Netlabels ihre Musik und ihre Art, Musik zu schaffen. Dabei bedienen sie sich nicht nur allesamt elektronischer Sequenzerprogramme und Klangerzeuger, sondern beinahe ebenso oft der Klänge aufgezeichneter Alltagsfetzen, Samples aus Fernsehen, Radio, Videospielen etc. Bei der Verarbeitung des synthetisch-konkreten Klangmaterials bleiben allein das Ohr und die eigene Intuition als ästhetische Instanzen bestehen:

"Der Komponist öffnet sich im Moment für den Moment, lässt die Eindrücke in sich hineinfließen und setzt diese spontan, gemäß seiner momentanen Stimmungslage, in Klang um. Er fungiert sozusagen - um mit Duchamp zu sprechen - als Medium, als eine Art Übersetzer, wobei die Übersetzung aber durch den Filter seiner Persönlichkeit modifiziert, verfälscht, oder vielleicht besser gesagt, vermenschlicht, individualisiert wird." (Aus meinem Vortrag vom 1.6.2006 im Rahmen der Veranstaltung Tradition und Disziplin - Tsunami im Kontext.)

Die kommunikative, kommentierende, oder schlicht narrative Qualität der resultierenden Kompositionen ist jedoch niemals leitendes Programm, sondern zwangsläufige Folge aus dem immerwährenden Bemühen des Künstlers, seine Umwelt zu deuten. Dabei lässt die Assoziativität der Arbeitsweise eindeutige musikalische Äußerungen nicht zu: Der sinnsuchende Hörer verknüpft die einzelnen Klangbausteine zu einer eigenen, persönlichen Version einer Geschichte, die ihm der Urheber des Stückes in dieser Weise niemals hätte erzählen können. Er, der Perzipient, wird zum geistigen Interpreten, wenn nicht gar Re-Produzenten einer Musik, die aufgrund ihrer akusmatischen, auf den Tonträger ausgerichteten Beschaffenheit nicht zu reproduzieren ist.


Zu meiner Arbeit:

Schon vor meinem Zusammentreffen mit den Künstlern von Schoenermusic tendierten meine musikalischen Arbeiten zu einer gewissen Langsamkeit und Länge und bemühten sich fast immer um Narrativität. Diese Neigung verstärkte sich unter dem Einfluss der Schoenermusic-Komponisten und erreichte einen frühen Höhepunkt in Schwarze Löcher bluten nicht von meinem Album raum gehen und, einem 20-minütigen B-Movie-Weltraum-Epos, in dem nicht nur Space-Azubis und dekadente Raumschiff-Kapitäne, sondern auch die Familie Sigmund Freud zu den Akteuren der Geschichte gehören. Dabei ist es keineswegs so - noch wäre es besonders wichtig -, dass ich bei der Komposition des Stückes einen Plot im Kopf gehabt hätte. Meine Musik soll keinem Handlungsfaden folgen (wie schon im vorangegangenen Abschnitt in allgemeinerer Form betont wurde). Vielmehr möchte ich Stimmungen und Strukturen generieren, in die der Hörer seine eigenen Vorstellungen einbetten kann. Dies scheint mir sinnvoller und lohnender, als - um den alten Begriff einmal zu bemühen - Programmmusik zu machen.

Ausführlichere Erklärungen zu meiner Musik finden sich in meinem Text Interview mit Wolfgang Kirchheim (2010).



Beim GRIN-Verlag veröffentlichte Texte:


Freie Texte: