Wolfgang Kirchheim Elektroakustik • Akusmatik • Tsunami

Konzepte / Texte



Zum Begriff 'Tsunami':

Erwartungshorizonte zu überschreiten - den eigenen oder den der Hörer – darin liegt das eigentliche Ziel von Tsunami (oder 'Neuer Akusmatik'), wie die Künstler des Schoenermusic-Netlabels ihre Musik und ihre Art zu komponieren nennen. Ob durch die Einbeziehung akustischer objets trouvés - medialer Samples aus Fernsehen, Radio und Videospielen, Midi-Daten, etc. -, von Teamarbeit oder außermusikalischen Konzepten - es gibt viele Wege zusätzliche Perspektiven in einen sonst eindimensionalen Kompositionsprozess zu integrieren. Die Arbeit mit Sequenzerprogrammen und elektronischen Klangerzeugern erlaubt eine unmittelbare Wechselwirkung zwischen Hören und Gestalten; die Rollen von Komponist und Rezipient verschwimmen.

Als Leitbild dienen nicht Geniekult und Kunstreligion des 19. Jahrhunderts, sondern vielmehr Marcel Duchamps Auffassung des Künstlers als Medium: "Der Komponist öffnet sich im Moment für den Moment, lässt die Eindrücke in sich hineinfließen und setzt diese spontan, gemäß seiner momentanen Stimmungslage, in Klang um. Er fungiert sozusagen - um mit Duchamp zu sprechen - als Medium, als eine Art Übersetzer, wobei die Übersetzung aber durch den Filter seiner Persönlichkeit modifiziert, verfälscht, oder vielleicht besser gesagt, vermenschlicht, individualisiert wird." (Tradition und Disziplin - Tsunami im Kontext; 1.6.2006.)

Die kommunikative, kommentierende, oder schlicht narrative Qualität der resultierenden Kompositionen ist jedoch niemals leitendes Programm, sondern zwangsläufige Folge aus dem immerwährenden Bemühen des Künstlers, seine Umwelt zu deuten. Dabei lässt die Assoziativität der Arbeitsweise eindeutige musikalische Äußerungen nicht zu: Der sinnsuchende Hörer verknüpft die einzelnen Klangbausteine zu einer eigenen, persönlichen Version einer Geschichte, die ihm der Urheber des Stückes in dieser Weise niemals hätte erzählen können. Er, der Perzipient, wird zum aktiven Interpreten, zum geistigen Re-Produzenten einer Musik, die aufgrund ihrer akusmatischen, auf den Tonträger ausgerichteten Beschaffenheit nicht zu reproduzieren ist.


Zu meiner Arbeit:

Schon vor meinem Zusammentreffen mit den Künstlern von Schoenermusic tendierten meine musikalischen Arbeiten zu einer gewissen Langsamkeit und Länge und bemühten sich fast immer um Narrativität. Diese Neigung verstärkte sich unter dem Einfluss der Schoenermusic-Komponisten und erreichte einen frühen Höhepunkt in Schwarze Löcher bluten nicht von meinem Album raum gehen und, einem 20-minütigen B-Movie-Weltraum-Epos, in dem nicht nur Space-Azubis und dekadente Raumschiff-Kapitäne, sondern auch die Familie Sigmund Freud zu den Akteuren der Geschichte gehören. Dabei ist es keineswegs so - noch wäre es besonders wichtig -, dass ich bei der Komposition des Stückes einen Plot im Kopf gehabt hätte. Meine Musik soll keinem Handlungsfaden folgen (wie schon im vorangegangenen Abschnitt in allgemeinerer Form betont wurde). Vielmehr möchte ich Stimmungen und Strukturen generieren, in die der Hörer seine eigenen Vorstellungen einbetten kann. Dies scheint mir sinnvoller und lohnender, als - um den alten Begriff einmal zu bemühen - Programmmusik zu machen.

Ausführlichere Erklärungen zu meiner Musik finden sich in meinem Text Interview mit Wolfgang Kirchheim (2010) sowie im Rahmen der Interviewserie featuring von phu2.


Texte: